Inside the company: Capgemini
"Wir empfinden es als Bereicherung"

Von Eva Fiene am 08.06.2016 - 08:45 Uhr

Foto: depositphotos.com / Rawpixel
refugees@capgemini: Multi-ethnischen Hände halten das Wort "Willkommen"

Geflüchteten die Chance geben, in Deutschland beruflich Fuß zu fassen – mit diesem Ziel startete vor kurzem das IT-Beratungsunternehmen Capgemini das Programm refugees@capgemini. Projektverantwortliche Sissy Tongendorff und Recruiterin Melanie Messner erzählen von ihren Erfahrungen.

Wie ist die Idee entstanden, refugees@capgemini ins Leben zu rufen?

Sissy Tongendorff: Eine Kollegin hat im vergangenen Sommer einen Bericht über das Berliner Start-up Workeer gesehen. Das ist eine Jobbörse, die sich speziell an Geflüchtete richtet. So sind wir auf die Idee gekommen, auch diese Plattform zur Besetzung unserer offenen Stellen in Betracht zu ziehen.

Wir haben aktuell einen sehr hohen Bedarf an neuen Kolleginnen und Kollegen mit IT-Hintergrund in all unseren Geschäftsbereichen. Die üblichen Recruiting-Kanäle reichen aber nicht mehr aus, um die Stellen zu besetzen. Daher ist refugees@capgemini für uns eine gute Alternative neue Mitarbeiter zu finden.

Natürlich möchten wir als große Organisation der Gesellschaft etwas zurückgeben. Wir hatten schon länger überlegt, wie wir als Unternehmen bei der gesellschaftlichen Herausforderung, Geflüchtete in den Arbeitsmarkt zu integrieren, eine Hilfe sein können.

Sie haben refugees@capgemini in unterschiedlichen Meetings Ihren Kollegen vorgestellt. Wie waren die Reaktionen?

Sissy Tongendorff: Das war sehr spannend. Ein Bereichs-Meeting ist mir dabei sehr im Gedächtnis geblieben: Im Anschluss an meine Präsentation hat sich eine angeregte Diskussion entwickelt, bei der einige Teilnehmer auch berichtet haben, wie sie sich engagieren. Einer arbeitet ehrenamtlich in einer Kleiderkammer, ein anderer organisierte einen Sponsorenlauf, um Geld für Geflüchtete zu sammeln. Ich hatte das Gefühl, dass die Kollegen sehr stolz auf ihren Arbeitgeber sind, dass er sich jetzt auch in dieser Richtung einbringt. Eine Kollegin hat uns im Anschluss direkt zwei Profile geschickt, die sie, angeregt durch die Diskussion, recherchiert hatte.

Wie finden Sie geeignete Kandidaten?

Melanie Messner: Hauptsächlich über die eben beschriebene Plattform Workeer, hier durchsuchen wir die eingetragenen Kurzprofile. Eine weitere Quelle ist die Kiron University, die uns Profile ihrer Studierenden vorstellt. Die Online-Universität ermöglicht es Geflüchteten, ein kostenloses Studium zu beginnen, ohne direkt Papiere vorlegen zu müssen. Wir erleben beim Recruiting häufiger, dass die Bewerber keine oder wenig Dokumente haben, weil die Papiere beispielsweise auf der Flucht verlorengegangen sind.

Müssen die Bewerber Deutsch können oder reicht Englisch aus?

Melanie Messner: Das ist natürlich projektabhängig, aber es sollten schon Deutsch-Grundkenntnisse vorhanden sein. Viele, mit denen wir gesprochen haben, können bereits schon sehr gut Deutsch, andere bauen gerade ihre Sprachkenntnisse auf.

Aus welchen Ländern stammen Ihre neuen Mitarbeiter und welche Ausbildung haben sie?

Sissy Tongendorff: Wir haben seit Beginn des Projektes drei syrische Kollegen für ein mehrmonatiges Praktikum eingestellt. Der erste Kollege bekommt nun einen festen Vertrag. Wir hatten natürlich nicht von Beginn an den Fokus auf syrische Bewerber. Aber die Erfahrung hat gezeigt, dass die Kollegen aus diesem Land die für uns passendste Ausbildung mitbringen.

Die neuen Kollegen sind alles ausgebildete Informatiker und haben einen Abschluss, der mit dem deutschen Bachelor vergleichbar ist. Sie arbeiten nun an unterschiedlichen Projekten jeweils in Berlin, Düsseldorf und Frankfurt.

Bieten Sie den Praktikanten im Anschluss eine feste Stelle an?

Sissy Tongendorff: Unser Ziel ist definitiv die Festanstellung, allein schon deshalb, weil die Rekrutierung enorm aufwändig ist und auch weil wir, wie bereits anfangs erwähnt, einen so großen Bedarf haben. Die Kollegen, denen wir einen festen Arbeitsvertrag anbieten, starten dann in unserem Einsteigerprogramm "Fast Track".

Welche Erfahrungen haben Sie mit den neuen Mitarbeitern bisher gemacht?

'Wir möchten als große Organisation der Gesellschaft etwas zurückgeben', sagt Sissy Tongendorff, Projektleiterin refugees@capgemini.

Sissy Tongendorff: Die Kollegen empfinden es als Bereicherung, mit ihnen zusammenzuarbeiten, und haben das Gefühl, einen wichtigen Beitrag zu leisten.

Natürlich gibt es aber auch Herausforderungen: Zum einen haben die neuen Kollegen bei ein paar fachlichen Themen Aufholbedarf, da das Informatik-Studium in Syrien andere Schwerpunkte setzt. Ich bin mir aber sicher, dass allein schon wegen der hohen Motivation aller Beteiligten dies bald kein Thema mehr sein wird.

Zum anderen tasten wir uns natürlich an Mitarbeiter heran, die aus einem Kriegsgebiet kommen.

Wie geht man mit Menschen um, die einen solchen Weg hinter sich haben? Spreche ich das Thema an, ignoriere ich es lieber? Ich will mein Gegenüber ja nicht auf seine dramatische Herkunft reduzieren. Die drei neuen Kollegen sind auch ganz unterschiedlich: Der eine erzählt gerne über sein Leben in Syrien, der andere ist verschlossener.

Wir haben kurzzeitig überlegt, ob wir einen Leitfaden erstellen, aber haben beschlossen, dass es hier kein richtiges oder falsches Verhalten gibt. Wir vertrauen darauf, dass die Kollegen im Team und die Führungskräfte das intuitiv richtig machen. Vielleicht stellen wir aber eines Tages doch noch unsere Erfahrungen zusammen und leiten daraus Empfehlungen ab.

Was ist Ihr Wunsch für die Zukunft von refugees@capgemini?

Sissy Tongendorff: Wir wünschen uns sehr, dass alle Newcomer ganz bei uns als feste Mitarbeiter bleiben. Ich hoffe auch, dass wir bald nicht mehr darüber nachdenken, wo derjenige eigentlich herkommt, weil es einfach nicht wichtig ist. Das müssen wir derzeit leider noch tun, weil die rechtlichen Rahmenbedingungen teilweise kompliziert sind, z. B. ist die Residenzpflicht in manchen Fällen ein Problem. Wir konzentrieren uns lieber auf das Verbindende, also den Spaß an den Aufgaben, denn auf die Unterschiede, wie in diesem Fall die jeweilige Herkunft.

Für die neuen Mitarbeiter wünsche ich mir sehr, dass sie bei Capgemini ein Umfeld finden, wo sie sich sicher fühlen und dass wir sie dabei unterstützen können, ihr neues Umfeld auch als ihre Heimat zu betrachten und ihre Geschichte besser zu verarbeiten.

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