Interkulturelle Kompetenz
Das Fremde verstehen lernen

Von Eva Fiene am 24.02.2017 - 11:38 Uhr

Foto: depositphotos.com / Rawpixel
Interkulturelle Kompetenz: Bilder von Menschen unterschiedlicher Herkunft.

"Andere Länder, andere Sitten" heißt es so schön. Passt das Sprichwort aber zu unserer globalisierten (Arbeits-)Welt? Auch wenn wir die gleiche Software benutzen, die gleichen Filme sehen und uns anzugleichen scheinen – wir bleiben verschieden. Möchte man auch im Beruf erfolgreich mit anderen Kulturen umgehen, ist der Aufbau von interkultureller Kompetenz essenziell.

Unsere (Arbeits-)Welt ist in den letzten Jahrzehnten zunehmend internationaler geworden: Deutsche Unternehmen, vom Konzern bis hin zu Mittelständlern, unterhalten Standorte im Ausland, haben Geschäftsbeziehungen zu anderen Ländern oder zeichnen sich auch in Deutschland selbst durch eine sehr internationale Belegschaft aus. Viele Studierende legen ein Auslandssemester ein oder absolvieren Praktika in einem anderen Land.

Interkulturelle Kompetenz ist hier die Schlüsselqualifikation: Sie erleichtert nicht nur den Umgang mit anderen, sondern hilft auch Verhaltensweisen entsprechend einzuordnen und schützt vor Frustration auf beiden Seiten. Und: Nur wer die Eigenheiten des jeweiligen Geschäftspartners kennt, wird international überhaupt erfolgreich verhandeln.

Wie kann man interkulturelle Kompetenz lernen?

Der Wille, sich auf andere einzulassen, ist sicherlich die Grundvorrausetzung interkulturelle Kompetenzen zu erwerben. "Das ganze Lernen funktioniert nur, wenn man eine gewisse Offenheit und Bereitschaft mitbringt", sagt auch Katarina Lerch, interkulturelle Trainerin und Coach bei den Carl Duisberg Centren.

Weiterbildungen können hilfreich sein, denn sie vermitteln das Rüstzeug mit anderen Kulturen umzugehen. Die Trainings, die beispielsweise Katarina Lerch durchführt, umfassen unterschiedliche Module wie etwa Kommunikation, Etikette oder Kulturvergleiche. Je nachdem, um welches Land es geht, lernen die Teilnehmer außerdem etwas über kulturspezifische Benimmregeln oder die Landeskunde. Daneben ist der Umgang mit sich selbst von großer Bedeutung: Hier geht es um Selbstreflektion und die Fähigkeit, die Perspektive zu wechseln und sich von außen zu beurteilen. Der Umgang mit den anderen ist ebenso wichtig: Welche Kommunikationsformen verursachen möglichst wenig Missverständnisse?

Ziel eines jeden Trainings ist es dann vor allem, Strategien zu erarbeiten, um in den unterschiedlichsten Situationen zurecht zu kommen. "Am besten ist es, wenn jemand eine bestimmte Grundsensibilisierung und Vorbereitung mitbekommt, bevor er oder sie ins Ausland geht, um sich dann dort weiter zu informieren und zu lernen. Erfahrungen zu sammeln bringt einen dann am besten weiter", weiß die Trainerin.

Vor Ort heißt es also: beobachten, nicht vorschnell urteilen und im Zweifelsfall nachfragen. "Die Leute freuen sich, wenn man sich informiert, wie man beispielsweise etwas ausspricht", sagt Katarina Lerch. "Es gibt eben oft kein Richtig oder Falsch. Wenn man sich Mühe gibt und es wenigstens versucht, sind die Menschen oft schon begeistert."

Die häufigsten Konfliktthemen

In fast jedem Land gibt es ähnliche Thematiken, die bei einer Nichtbeachtung den anderen vor den Kopf stoßen. Natürlich können Do’s und Dont’s nur der Anfang sein, andere Kulturen besser zu verstehen, einfache Rezepte gibt es hier eben nicht. Die Tatsache, dass DER Deutsche oder DER Chinese eigentlich nicht existiert, sollten Sie dabei nicht vergessen. "Schauen Sie immer, welches Individuum gerade vor Ihnen stehen und wie die Situation tatsächlich ist", rät Katarina Lerch.

Katarina Lerch ist zertifizierte interkulturelle Trainerin und Coach mit Schwerpunkt China.

Begrüßung. Im geschäftlichen Kontext ist noch einmal wichtiger als im privaten, sein Gegenüber adäquat zu begrüßen. Startet man mit einem Tritt ins Fettnäpfchen, steht das gesamte Meeting unter einem schlechten Stern.

In den meisten westlichen Ländern werden traditionell die Hände geschüttelt, im Gegensatz zu vielen asiatischen Kulturen, wo bekanntermaßen eher Verbeugungen üblich sind. "Deutsche haben oft einen kräftigeren Händedruck und schauen ihrem Gegenüber in die Augen. Das ist für sie gutes Benehmen. Wenn sie dann auf einen Chinesen treffen, der eher lasch zugreift und bei der Begrüßung auf den Boden blickt, dann sind viele Deutsche irritiert", weiß Katarina Lerch, die lange in China gelebt hat. "Das hat aber nichts mit schlechtem Benehmen oder Unsicherheit zu tun. Ihr Gesprächspartner ist nach chinesischen Maßstäben einfach sehr gut erzogen."

Ein Klassiker bei japanischen Geschäftspartnern ist sicherlich auch das Thema Visitenkarte. Hier gilt es als wertschätzend, das Kärtchen mit beiden Händen zu übergeben bzw. anzunehmen und sie aufmerksam zu lesen. Unter keinen Umständen sollten Sie sie dann aber in Ihre Hosentasche stecken und sich setzen – Ihr japanisches Gegenüber wird das als Respektlosigkeit einstufen.

Distanzverhalten und Körperkontakt. Die unterschiedlichen Kulturen haben unterschiedlichste Distanzzonen: Menschen aus Südamerika ist viel Körperkontakt in der Regel nicht unangenehm, sie reagieren dagegen irritiert, wenn man vor ihren für unseren Geschmack überschwänglicheren Begrüßungen zurückweicht. US-Amerikaner fühlen sich im Vergleich dazu sehr unwohl, wenn ihnen jemand zu nahe kommt. Briten wiederum lassen Berührungen kaum zu und empfinden einen eventuell etwas "forscheren" Brasilianer bereits als belästigend.

In dieser Situation hilft es sicherlich, Ihr Gegenüber und andere zu beobachten: Wie gehen die Menschen miteinander um?

Smalltalk und Beziehungsaufbau. Unsere französischen Nachbarn beispielsweise legen großen Wert darauf, ihre Geschäftspartner kennenzulernen. In kurzer Zeit werden viele Themen angesprochen, um Gemeinsamkeiten zu finden.

Auch in China, Japan, Indien und den arabischen Ländern ist Beziehungsaufbau durch Smalltalk essenziell. "Deutsche kommunizieren jedoch sehr sachorientiert und direkt. Mit Beziehungsaufbau wird keine Zeit 'verschwendet'. Dabei ist in der überwiegenden Anzahl der Kulturen Smalltalk eine wichtige Eröffnung", berichtet Trainerin Katarina Lerch.

Hierarchien. Wer hat das Sagen und wie werden Entscheidungen gefällt? Gerade bei Geschäftsbeziehungen ein nicht gerade unwichtiges Thema. Wenn Sie beispielsweise wissen, dass Franzosen eher unverbindlich bleiben, wenn vom eigentlichen Entscheidungsträger das "Go" fehlt, erspart Ihnen das einiges an Ärger.

Lassen Sie sich auch nicht aufs Glatteis führen, wenn lockere Umgangsformen, wie bei US-Amerikanern, anscheinend auf flachere Hierarchien schließen lassen. "In Wirklichkeit entscheidet in den USA dann doch der Boss", weiß Katarina Lerch. "Da muss man schon genauer hinschauen. Es ist oft nicht so, wie es auf den ersten Blick aussieht."

Für viele deutsche Führungskräfte gehört es dazu, ihre Mitarbeiter bei Entscheidungen miteinzubeziehen. Doch in eher hierarchischen Kulturen gelten Manager als inkompetent, wenn sie ihre Mitarbeiter nach ihrer Meinung fragen.

Konflikte und Nein sagen. Auch ein klassischer Stolperstein auf dem internationalen Parkett: Deutsche sprechen in der Regel Konflikte direkt an und sind verärgert, wenn ihr Gegenüber weiter um den heißen Brei herumredet. Da hilft es auch nichts, den koreanischen Geschäftspartner unter Druck zu setzen, läuft bei einem Projekt etwas schief – er oder sie wird respektvoll bleiben, um sein oder ihr Gesicht zu wahren.

Ein "Nein" werden Sie in vielen Kulturen ebenso nicht zu hören bekommen, Absagen werden vielmehr höflich verpackt. Als Katarina Lerch vor ihrer Trainer-Laufbahn in China zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen war, verabschiedete der Interviewer sie mit den Worten: "Ich werde darüber nachdenken!" Ein chinesischer Freund klärte sie danach auf: Ihr Gesprächspartner hatte ihr damit eine Absage erteilt. "Diese Situation zeigt, wie in China mit Konflikten umgegangen wird. So werden eben unangenehme Botschaften übermittelt."

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Selbstpräsentation im Bewerbungsgespräch
"Erzählen Sie etwas über sich!"

Selbstpräsentation im Bewerbungsgespräch: Lächelnde Frau schüttelt Mann die Hand

Wer könnte darauf besser antworten als Sie selbst – könnte man meinen, oder? Doch dieser klassische Auftakt beim Vorstellungsgespräch hat es in sich. Wie Sie sich am besten vorbereiten, welche Klippen es zu umschiffen gilt und wie Sie Ihre Antwort so formulieren, dass sie gut ankommt. mehr...

Inside the company: HSBC Deutschland
Ein Job am Puls der Zeit

Börsenkurse Dow Jones

Wenn in den USA ein neuer Präsident gewählt wird, ist das für Eric Preißler nicht nur eine Meldung in der Tagesschau. Sobald aktuelle Ereignisse die Börsenkurse schwanken lassen, müssen er und seine Kollegen bei HSBC Deutschland sofort reagieren. Im Interview erzählt der Informationswirt, was seine Arbeit so spannend macht. mehr...

Ungewöhnliche Frauen
Immer den eigenen Weg gehen

Ungewöhnliche Frauen: Schild weist Richtung mit der Aufschrift my way.

Astrid Kühne lässt sich selten von einem Plan abbringen. Als die promovierte Betriebswirtin und Expertin für Change Management schwanger nach einem Job suchte, waren die Erfolgsaussichten alles andere als gut – doch sie schaffte es trotzdem. Auch ihr Engagement in Afrika beeindruckt. Ein Gespräch mit einer ungewöhnlichen Frau. mehr...