Bewerbungstrends
Alles bleibt anders

Von Eva Fiene am 17.12.2015 - 09:15 Uhr

Foto: depositphotos.com / pixlab
Schild mit der Aufschrift "Future"

Hat die Bewerbung bald ausgedient, weil wir über Suchalgorithmen im Netz gefunden werden? Oder gibt es Jobs nur noch über Empfehlungen? Svenja Hofert, Karriereberaterin und Autorin, Simone Janson, Beraterin für HR-Kommunikation, und Dr. Bernd Slaghuis, Karriere-Coach, über aktuelle und kommende Bewerbungstrends.

Der gläserne Bewerber

Autorin Svenja Hofert über Big Data und gut auffindbare Bewerber. (Foto: Simone Scardovelli)

"Daten, also Big Data, werden in den nächsten Jahren auch fürs Recruiting eine große Rolle spielen: Firmen werden zunehmend IT-Lösungen entwickeln lassen, die beim Sammeln und Auswerten der im Netz und Unternehmen verfügbaren Daten helfen. Beispielsweise wird dann zukünftig per Suchalgorithmus ermittelt, welcher Kandidat die passenden Talente und Qualifikationen mitbringt und am besten mit dem firmeninternen Kompetenzmodell matcht.

Das bedeutet auf der anderen Seite für Bewerber: Sie müssen sichtbar und auffindbar sein – und das über Suchwörter und Themen, für die sie sich positionieren möchten. Ein klug gefülltes Xing-Profil ist dabei nur der Anfang, jede Aktivität im Netz wird relevant sein: Kommentare in Blogs, Beiträge in Foren, Profile auf Social Media Plattformen wie Instagram oder Pinterest.

Das ist den meisten noch nicht klar. Aber je mehr Daten wir hinterlassen und je mehr Lösungen entstehen diese auszuwerten, desto mehr wird die klassische Bewerbung in Zukunft zum Auslaufmodell. Ich kann mir vorstellen, dass man Schüler, die man im Internet identifiziert hat, zu Events einlädt oder dass die Empfehlungssysteme in den Firmen noch besser werden. Vielleicht kann der Bewerber anhand seiner Daten auch bald per Knopfdruck durchgecheckt werden.

Niemand braucht jetzt aber in blinden Aktionismus zu verfallen, denn wir sprechen hier von einem Zeithorizont von bis zu zehn Jahren. Ohne eine vernünftige und langfristige Strategie wird es nicht gehen. Dem Gros der Bewerber und auch den Unternehmen fehlt momentan noch die nötige digitale Kompetenz, diese gilt es jetzt erst einmal aufzubauen.

Wie auch bei der Post- und Onlinebewerbung wird es eine lange Übergangszeit der Digitalisierung des Recruitings geben. Tatsächlich arbeiten sogar heute noch, wenn auch sehr selten, Kirchen oder Handwerksbetriebe auf dem Land noch mit Papierbewerbung und Schreibmaschine – und das wird sich so schnell nicht ändern. Den Altenpfleger oder Sozialarbeiter werden Sie in fünf Jahren vermutlich online immer noch seltener antreffen.

Was das Alter betrifft, wird es ebenso eine Verschiebung geben: Schon heute erreichen Sie jüngere Bewerber oft über andere Wege als die älteren. Schauen Sie sich die Generation Z an, sie hinterlässt zum Teil bereits seit zehn Jahren digitale Spuren. Diese Daten kann man dann in weiteren zehn Jahren rekonstruieren und fürs Recruiting nutzen – sofern die Gesetzeshüter das nicht verhindern.

Natürlich bleibt auch abzuwarten, ob die Prognosen zum demografischen Wandel tatsächlich so eintreten und wie die Flüchtlinge unsere Gesellschaftsstruktur und den Arbeitsmarkt verändern. Auch wird sich zeigen, wie viele Arbeitsplätze wirklich durch die Digitalisierung in Zukunft wegfallen."

Svenja Hofert ist Autorin, Bloggerin und Karriereberaterin, sie ist regelmäßige Kolumnistin u.a. bei Spiegel Online und Verfasserin von rund 30 Sachbüchern. Auf ihrem Blog schreibt sie u.a. zu Themen wie Trends in der Arbeitswelt, HR, Führungs- und Teamthemen.

Der Mitarbeiter als "Headhunter"

Für Beraterin Simone Janson sind Mitarbeiterempfehlungsprogramme ein Trend-Thema von 2016. (Foto: emanya-photography.com)
"Was in vielen Unternehmen gerade erst ankommt, ist der digitale Wandel. Bisher war das eher etwas Ominöses, in Zukunft werden sich aber auch kleine Firmen damit befassen und mitziehen müssen – Stichwort mobil optimierte Karrierewebsites oder mobile Werbung.

2016 kommt hier zwar nicht der große Durchbruch, aber die Digitalisierung wird Schritt für Schritt weiter voranschreiten. Eher vorsichtig bin ich hingegen bei Hype-Themen wie Bewerbung mit trendigen Apps.

Ein Trend-Thema sehe ich bei 'Mitarbeiter werben Mitarbeiter'-Programmen – unsere Autorin Anne Schüller hat z. B. hierzu viel geschrieben. Immer häufiger gehen Unternehmen dazu über, ihre Angestellten zu entlohnen, wenn sie Freunde oder Bekannte rekrutieren und diese erfolgreich eingestellt werden.

Davon profitieren alle: Es ist ja viel eher klar, ob der neue Kollege wirklich gut ins Team passt. Für die Bewerber heißt es auf der anderen Seite: Ein gutes berufliches Netzwerk wird immer wichtiger. Vor allem Jobsuchende mit Mosaik-Lebensläufen, die es zukünftig auch mehr geben wird, nützt Networking viel mehr als die klassische Bewerbung."

Simone Janson ist Beraterin für HR-Kommunikation und betreibt Berufebilder.de, eines der 500 wichtigsten deutschen Blogs nach Blogger-Relevanz-Index. Themen sind u.a. Entwicklungen auf dem Jobmarkt, Trends im Recruiting und neue Arbeitsformen. Außerdem ist sie regelmäßige Kolumnistin für "Die Welt" und die "Wirtschaftswoche".

Der authentische Bewerber

Karriere-Coach Dr. Bernd Slaghuis über Bewerbungen nach dem Gießkannenprinzip und Anschreiben, die auch 2016 erfolgreich sind.

"Ein Trend ist die Bewerbung nach dem Gießkannenprinzip: Jobsuchende verschicken oft nicht mehr zielgerichtet ihre Unterlagen, weil es online schnell geht, und Bewerber denken, je breiter sie streuen, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit auf einen Job. Ich erlebe das in der Beratung sehr häufig und halte diese Entwicklung für beide Seiten – Bewerber und Arbeitgeber – für sehr ineffizient.

Das wird natürlich durch das riesige Angebot von Jobbörsen noch gefördert. Die neuen Ein-Klick-Technologien, die die Bewerbung einfacher machen sollen, unterstützen diese Entwicklung ebenso. Zum Beispiel Bewerbungs-Apps wie Truffls oder Selfiejob: Dies sind für mich heute keine vollwertigen Bewerbungskanäle. Vielmehr sind sie eine weitere Möglichkeit, einen ersten Kontakt zu Unternehmen aufzubauen; dafür sind sie auch wirklich gut.

Das ist sicherlich auch ein Trend: Die Wege, Verbindung zu einem potentiellen Arbeitgeber aufzunehmen, werden vielfältiger. Zumindest das erste Bewerbungsgespräch wird immer häufiger per Video-Chat geführt. Ob nun über Skype oder Google Hangouts – die Unternehmen sparen sich die Reisekosten und können den Bewerber trotzdem schon einmal kennenlernen. Und der Kandidat bekommt ebenso einen ersten Eindruck, ohne sich direkt von München auf den Weg nach Hamburg machen zu müssen.

Auch wenn ich ein Fan von kreativen Bewerbungen bin: Die Masse wird demnächst keine Videos drehen, bloggen oder den Lebenslauf in eine Infografik verpacken. Das ist höchstens sinnvoll für Kandidaten, die sich beispielsweise bei einer Agentur bewerben. Außerdem: Wenn dies alle tun würden, die Unternehmen würden ja absaufen! Die HR-Abteilungen haben gerade ihre Recruiting-Prozesse automatisiert, eine extreme Individualisierung von Bewerbungen in der Breite würde auch sie vor große Probleme stellen.

Es muss also kein Video oder ein Blog sein. Eine individuelle, ehrliche Bewerbung, die Klarheit schafft, was Sie motiviert, welche Kompetenzen Sie mitbringen, welche Ziele Sie verfolgen und was Sie auch von Ihrem neuen Arbeitgeber erwarten – damit heben Sie sich heute schon von der Masse ab. Ich glaube, dass so eine Bewerbung am erfolgreichsten ist und es auch 2016 sein wird."

Dr. Bernd Slaghuis ist Karriere- und Business-Coach und hat sich auf die Themen berufliche Neuorientierung, Karriereplanung sowie werteorientierte Führung spezialisiert. Über seine persönlichen Sichtweisen auf Karriere und Führung schreibt er im Blog Perspektivwechsel.

 

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