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28.07.2011


Im Osten viel Neues

Entwicklungen und Herausforderungen auf dem russischen Kandidatenmarkt

Thorsten Koletschka
Thorsten Koletschka
Business Development EMEA
KellyOCG

Die fortgesetzt positive Wirtschaftsentwicklung treibt die Konsumfreude und Ansprüche der jungen Generation Russlands unvermindert an. Doch was bedeutet dies für die Arbeitgeber? Können sie den Erwartungen der Berufseinsteiger nachkommen, bei denen das schnelle Geld die Arbeitgeberwahl oftmals dominiert? Thorsten Koletschka berichtet von seinen jüngsten Eindrücken aus dem Austausch mit russischen HR-Verantwortlichen im Wettkampf um aufstrebende Talente.

Russlands Recruiter stehen vor dem Scheideweg: Nachdem während der Finanz- und Wirtschaftskrise die Einstellungszahlen für Einsteigerpositionen und Hochschulabsolventen drastisch reduziert worden waren, rückt der akademische Nachwuchs nun wieder mit Nachdruck in den Fokus der Personaler.

Die anhaltend positive Wirtschaftsentwicklung und der beginnende demografische Wandel zwingen viele russische Unternehmen wie in den meisten industrialisierten Ländern zu einem schnellen Strategiewechsel in der Rekrutierung. Dabei treffen sie jedoch auf eine ganze Reihe von Herausforderungen: Da wäre zunächst die Diskrepanz zwischen den vielfach beklagten veralteten Lehrinhalten, -materialien und -methoden der Hochschulen und den modernen Anforderungen der russischen Wirtschaft an die Neueinsteiger. Nur zu gern haben sich russische Unternehmen insbesondere in den letzten beiden Jahren auf die Abwerbung von bereits Berufserfahrenen statt auf den nachhaltigen Aufbau von Berufseinsteigern konzentriert. Mit fatalen Folgen. Denn hiermit wurde die ohnehin hohe Wechselbereitschaft gut ausgebildeter, russischer Arbeitnehmer noch weiter angeheizt.

Eine Entwicklung, die den Studierenden nicht verborgen blieb und ihre Vorstellung vom Jobeinstieg entscheidend beeinflusst hat. Dies bestätigt auch die seit vier Jahren regelmäßig durchgeführte Befragung von Universum Communications unter russischen Studentinnen und Studenten, nach der die Loyalität gegenüber dem (potenziellen) Arbeitgeber immer weiter abnimmt, während die Einstiegsgehälter und der schnelle Karriereaufstieg alle übrigen Kriterien inzwischen deutlich hinter sich gelassen haben. Ausländische Arbeitgeber oder internationale Unternehmen haben es bei der Rekrutierung von Jungtalenten aktuell besonders schwer, ist während der letzten beiden Jahre doch gleichzeitig das Sicherheitsbedürfnis der Berufseinsteiger bei ihrer Arbeitgeberwahl enorm gestiegen und wird in erster Linie durch staatliche oder ehemals staatliche Betriebe mit russischer Verwurzelung befriedigt. So konnten die Platzhirsche der traditionell starken russischen Energiewirtschaft wie Gazprom oder Lukoil ihren Vorsprung weiter ausbauen während Finanzunternehmen wie die russische Sberbank oder mittlerweile sogar die russische Eisenbahngesellschaft internationalen Arbeitgebermarken klar den Rang ablaufen.

Zu guter Letzt sehen sich viele Personalverantwortliche vor die Herausforderung gestellt, im flächenmäßig größten Land der Welt auch die wachsenden Bedarfe in den Regionen weitab von Moskau zu befriedigen. Die dort wachsenden Produktionsstätten verlangen nach immer mehr und immer besser ausgebildeten Fachkräften. Leider fehlen diese sowohl in der Anzahl als auch nach Ausbildungsstand zumeist und sind infolge der vielfach noch schlechten Verkehrsanbindungen oder mangelnder Infrastruktur nicht zu mobilisieren. Das Problem ist nicht neu. Vor allem russisch verwurzelte Unternehmen haben bei der Rekrutierung schon vor Jahren oder gar Jahrzehnten mit der frühzeitigen Bindung von Talenten -bereits im Schulalter- sowie der entsprechenden Einrichtung und Förderung von regionalen Aus- und Fortbildungseinheiten begonnen. Diese Strategien werden heutzutage immer weiter ausgebaut und verfeinert. Doch die Schere zwischen Personalbedarf und -angebot geht infolge der rasanten Entwicklung auch in der Peripherie immer weiter auseinander.

Russische Recruiter sehen sich daher vor die große Aufgabe gestellt, auf die verschiedenen Herausforderungen des Rekrutierungsmarktes mit entsprechenden Strategien zu antworten und diese binnen kürzester Zeit in die Realität umzusetzen. Nur so wird es ihnen gelingen, im Wettlauf um die besten Talente die Nase vorn zu haben und an der positiven Wirtschaftsentwicklung aus eigener Kraft teilzuhaben. Insbesondere internationale Unternehmen werden sich hierbei sehr individuelle Vorgehensweisen einfallen lassen müssen, da sie sich im Wettlauf mit ihren russisch verwurzelten Mitbewerbern nicht mehr auf ihre international renommierten (Produkt-)Marken verlassen können.

Thorsten Koletschka
thorsten.koletschka@kellyocg.eu

Thorsten Koletschka ist Director Regional Business Development EMEA bei KellyOCG und im regelmäßigen Austausch mit HR-Experten in In- und Ausland.

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