Seite senden Bei facebook teilen Bei twitter teilen Bei Google+ teilen Bei Xing teilen

Ungewöhnliche Frauen
Immer den eigenen Weg gehen

Von Eva Fiene am 25.01.2017 - 09:25 Uhr

Foto: depositphotos.com / karenr
Ungewöhnliche Frauen: Schild weist Richtung mit der Aufschrift my way.

Astrid Kühne lässt sich selten von einem Plan abbringen. Als die promovierte Betriebswirtin und Expertin für Change Management schwanger nach einem Job suchte, waren die Erfolgsaussichten alles andere als gut – doch sie schaffte es trotzdem. Auch ihr Engagement in Afrika beeindruckt. Ein Gespräch mit einer ungewöhnlichen Frau.

Frau Kühne, als sie im Juli 2016 von einer Weltreise in die Schweiz zurückkamen, waren sie schwanger. Bis zur Geburt des Kindes wollten Sie aber nicht Däumchen drehen.

Das stimmt. Nach meinem Sabbatical war ich ausgeruht und voller Tatendrang. Ich habe vor meiner Auszeit zweieinhalb Jahre lang in Tansania als selbstständige Projektmanagerin gearbeitet und u.a. Unternehmen beim Aufbau von Personalabteilungen unterstützt. So haben die meisten mittelständischen Firmen keine wirkliche Policy oder Manuals, wie sie Personal aufbauen und entwickeln wollen. Sie haben eigentlich nur Verträge mit ihren Mitarbeitern, wissen aber nicht, wie sie ihre Leute motiviert halten sollen. So etwas wie eine Human Resources Strategie gibt es meist nicht.

Bei einem anderen Projekt habe ich ein Konzept entwickelt, um Müllsammlern zu einer besseren Existenz zu verhelfen. Sie gehören zu den ärmsten Menschen der Welt, und selbst Mikrofinanzinstitute geben ihnen keine Kredite, weil es als zu unsicher gilt.

In Afrika konnte ich also einige innovative Projekte betreuen und sehr viel bewegen. Das war eine sehr spannende Zeit, weil ich mit ganz anderen Aufgaben befasst war als in meinem vorherigen Job als Change Managerin bei Accenture. Und dann sollte ich plötzlich zurück in der Schweiz Däumchen drehen? Ich war schwanger und nicht krank. Das kam für mich nicht infrage, vor allem, weil man hier bis zur Geburt arbeiten kann. Mir ging es auch bis zuletzt sehr gut und ich war fit und motiviert.

Wie ging es dann weiter?

Ich habe ungefähr 60 Bewerbungen rausgeschickt und viel positives Feedback erhalten. Aber nachdem ich gegen Ende des Interviews gesagt habe, dass ich ein Kind erwarte, war der Vertrag erst einmal vom Tisch. Ich kann natürlich nachvollziehen, warum die Firmen so entschieden haben. Ich habe mich aber nicht entmutigen lassen: Je mehr Absagen kamen und umso mehr mein Umfeld sagte, Du wirst keinen Job finden, wenn du mit offenen Karten spielst, umso mehr habe ich mich reingehängt.

Und bei der 61. Bewerbung klappt es? Accenture Consulting in Zürich stellte Sie dann im Oktober 2016 ein.

'Ich hatte einfach Lust dazu, die entsprechenden Wege zu gehen', sagt Astrid Kühne über ihren bisherigen Werdegang (Foto: Accenture).

Ehrlich gesagt habe ich mich bei Accenture nicht beworben. Ich habe hier nach meinem Studium bereits dreieinhalb Jahre gearbeitet. Aber auch wenn ich mich immer sehr wohl gefühlt habe und gefördert wurde, bin ich gar nicht auf die Idee gekommen, mich bei meinem alten Arbeitgeber zu bewerben.

Ich brauche immer viel Neues im meinem Leben, und die Change Management Abteilung, in der ich damals gearbeitet habe, gab es in der Form nicht mehr.

Durch Zufall traf ich über einen alten Accenture-Kollegen auf meinen jetzigen Chef. Er erzählte mir, dass er für sein Financial Services Team händeringend Leute suche und mein Change Management Know-how gebraucht werde. Fünf Tage später hatte ich zwei Gespräche hinter mir, einen Vertrag unterschrieben und bereits ein spannendes Projekt bei einer Schweizer Bank in Aussicht.

Natürlich habe ich auch hier gesagt, dass ich schwanger bin und nur bis Ende Dezember 2016 arbeiten kann, weil das Kind im Januar kommt. Ich hatte von mir aus angeboten, als freier Contractor einzusteigen. Die Antwort war: "Nein, wir bieten Dir eine Festanstellung an – willkommen im Team." Da bin ich fast vom Stuhl gekippt.

Wie geht es für Sie nach Ihrer Auszeit weiter?

Ich werde im September 2017 mit 60 Prozent wieder einsteigen. Dann sehe ich weiter, wie ich die Balance halten kann und meine Arbeitszeit ggf. langsam erhöhe. Entsprechende Angebote, wie man Job und Familie unter einen Hut bekommt, gibt es bei Accenture, die individuell zugeschnitten werden können.

Sie haben 2011 die Hilfsorganisation "Community Breakthrough Support Mission" (CBSM) mitgegründet, die im kenianischen Kimilili u.a. eine Schule für Waisenkinder aufgebaut hat. Wie sind Sie zu diesem Engagement gekommen?

Ich bin durch Zufall zusammen mit meiner Zwillingsschwester und einer Freundin auf diese kleine Schule im kenianischen Niemandsland gestoßen, die kurz vor der Schließung stand. In einer Lehmhütte haben sieben Erwachsene versucht, 250 Kindern etwas beizubringen. Sie hatten kein einziges Buch, keine Toiletten, keinen Strom, kein Wasser.

Mit ersten Spenden von Freunden und Familie, die damals noch auf unser Privatkonto gingen, haben wir dann ein Stück Land gekauft und weitere Hütten gebaut. So konnten wir kurzfristig die Schließung der Schule durch das kenianische Ministerium verhindern. Nach Rückkehr in die Schweiz haben wir die Stiftung gegründet, um mehr Struktur und Transparenz zu schaffen. Wir arbeiten alle ehrenamtlich und können so garantieren, dass 100 Prozent der Spenden bei den Kindern landen.

Mittlerweile ist zur ursprünglichen Primarschule, die die Kinder bis 14 Jahre besuchen, u.a. eine Sekundarschule hinzugekommen. Sie müssen wissen, dass in Kenia die weiterführenden Schulen sehr teuer sind. Die Waisenkinder leben oft von weniger als einem Euro pro Tag und können sich die Ausbildung oft nicht leisten. Sie verlassen mit 14 die Schule, die Jungs arbeiten auf dem Feld und die Mädchen werden meist verheiratet – dann war eigentlich alles umsonst.

Daher empfinden wir es als einen großen Erfolg, dass in diesem Jahr zum ersten Mal 50 18- bis 19-jährige Jungen und Mädchen unsere Schule mit einem Sekundarabschluss verlassen.

Außerdem haben wir auch eine Schule für behinderte Kinder eröffnet, eine Besonderheit in Kenia. In vielen afrikanischen Ländern gelten behinderte Menschen als ein schlechtes Omen und werden versteckt, bekommen kaum etwas zu essen, geschweige denn eine Ausbildung. Als Nachbarn erfuhren, dass wir eine Lehrerin für drei behinderte Kinder eingestellt hatten und sie kostenlos bei uns zu essen bekamen, hatten wir plötzlich 30 Kinder! Wir mussten eine weitere Lehrerin einstellen, Teile des Kindergartens behindertengerecht umbauen und sind stolz, die Zukunft dieser Kinder jetzt mitzugestalten.

Wie geht es mit dem Projekt in Kenia weiter?

Eine Herausforderung für uns ist jetzt natürlich, den Schulabgängern zu einem Ausbildungsplatz zu verhelfen. Im ländlichen Kimilili gibt es kaum Möglichkeiten für die Kinder. Zurzeit prüfen wir, ob Accenture uns bei dieser Aufgabe unterstützen kann.

Besonders freue ich mich darüber, dass unsere Schule bei der Auswertung des Nationalexamens innerhalb unseres Distrikts den vierten von 65 Plätzen belegt hat. Wenn man bedenkt, dass wir vor fünf Jahren von der Schließung bedroht waren und bis vor zwei Jahren kein einziges Buch hatten – das ist schon ein unglaublicher Erfolg.

Wenn Sie jetzt zurückblicken: Was nehmen Sie aus den vergangenen Jahren mit?

Ich habe oft von so vielen Seiten zu hören bekommen: "Mach dies nicht, mach jenes nicht, geh nicht nach Afrika, das ist schlecht für Deinen Lebenslauf. Geh nicht auf Weltreise, Du hast doch gerade Deine Kontakte geknüpft und stehst mitten im Berufsleben." Aber ich hatte einfach Lust dazu, die entsprechenden Wege zu gehen, weil ich gesehen habe, dass ich wirklich etwas bewegen kann und dafür brenne.

Und das würde ich auch jedem raten: Versuchen, den eigenen und nicht von außen auferlegten Weg zu gehen, sich weder von Freunden oder der Familie beeinflussen lassen. Ausgetretene Wege verlassen und das Abenteuer namens Leben in vollen Zügen genießen.

Artikel weiterempfehlen:
Seite senden Bei facebook teilen Bei twitter teilen Bei Google+ teilen Bei Xing teilen
Infos & Netiquette
blog comments powered by Disqus
Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:

Jobaussichten 2017 (3)
Gute Karten für Entwickler

Jobaussichten Ingenieure: Kopf zwischen Einsen und Nullen

Kaum ein Unternehmen kann auf sie noch verzichten: IT-Experten. Natürlich ist der Hauptgrund für die große Nachfrage die Digitalisierung der Arbeitswelt. Stefan Schwarzgruber, Country Manager DACH bei Stack Overflow, der Frage- und Antwortplattform für Entwickler, weiß, welche Profile gefragt sind – und warum Absolventen nicht das erstbeste Angebot annehmen sollten. mehr...

Messe-Vorschau 2017
access auf Achse

Messevorschau 2017: Männchen sitzt auf zwei großen Buchstaben CV

Ein zweiter objektiver Blick auf den Lebenslauf lohnt sich immer. Wie wär’s daher mit einem CV-Check durch die access-Experten? 2017 sind wir wieder auf Tour und nehmen an vielen Job-Messen teil. Wo Sie uns finden und welche Messe-Highlights auf Sie warten. mehr...

Jobaussichten 2017 (2)
Ingenieure: Die Zukunft ist digital

Jobaussichten Ingenieure: Junger Ingenieur mit Schutzhelm und Tablett

In den vergangenen Jahren konnten sich Ingenieure die Jobs gewissermaßen aussuchen. Wie sind die Perspektiven für das neue Jahr und wie verändert die Digitalisierung den Ingenieursberuf? Dr. Norbert Lohan, Leiter des Karriereportals www.ingenieurkarriere.de beim VDI Verlag in Düsseldorf, hat mit uns über diese Themen gesprochen. mehr...

Premiumpartner