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Erfolgsfaktor Stimme
Der wahre Spiegel der Seele

Von Eva Fiene am 31.05.2017 - 10:08 Uhr

Foto: depositphotos.com / gstockstudio
Erfolgsfaktor Stimme: Mikrofon auf Podium, voller Vortragssaal

Sie kann verführen oder abschrecken, sogar über beruflichen Erfolg oder Misserfolg kann sie entscheiden: Die Stimme ist ein mächtiges Instrument. Julia Kamenik-Sedlak, Opernsängerin und Kommunikationsexpertin, erklärt, weshalb die Stimme einen so großen Einfluss auf uns hat – und warum wir nicht immer den Bauch einziehen sollten.

Werden wir durch die richtige Stimme wirklich erfolgreicher?

Dem würde ich grundsätzlich zustimmen. Stimmen haben einen riesengroßen Einfluss auf uns. Aber es ist natürlich sehr subjektiv, welche Stimme als "richtig" wahrgenommen wird.

Allerdings gibt es Untersuchungen, dass ein Mensch mit eher tieferer, warmer und rund klingender Stimme kompetenter wirkt als jemand, der sehr hoch, schnell und schrill spricht. Diesen Klang empfindet man eher als unangenehm, und das kann sich im beruflichen Kontext schon negativ auswirken. Da muss derjenige ganz schön viel mit seiner Persönlichkeit auffangen, um den ersten Eindruck zu korrigieren.

Wer etwas aus seiner Stimme macht, hat’s also leichter im Leben?

Da muss ich gleich mit einer Gegenfrage antworten: Was heißt es denn, etwas aus unserer Stimme machen?

Wir werden alle mit einem perfekten Stimmorgan geboren – denken Sie daran, wie ausdauernd und kräftig ein Baby schreien kann. Und diese Stimme verändert sich im Laufe unseres Lebens durch die Entwicklung unserer Persönlichkeit und unseres Körpers, durch Sozialisation oder sogar Umwelteinflüsse. So formt sich unser charakteristischer Klang.

Wie unsere Stimme letztendlich klingt, ist also nicht angeboren und durchaus veränderbar. Wir können sehr viel trainieren, mit Übungen die Stimme größer machen, das funktioniert alles ganz gut. Aber das ist auch harte Arbeit, denn wenn wir grundlegend an unserer Stimme arbeiten wollen, hat das ja auch immer mit unserer Persönlichkeit zu tun. Je mehr wir uns damit beschäftigen, was beispielsweise die Ursache für Stimmprobleme ist, umso mehr geht es häufig ans Eingemachte.

Warum haben Stimmen einen so großen Eindruck auf uns?

Das erste, was ein Baby schon im Bauch wahrnimmt, ist die Stimme seiner Mutter, es ist auf sie gewissermaßen geprägt, und das hat einen viel größeren Einfluss als die Optik. Stimme macht also allein schon aus diesem Grund einen sehr starken, sehr tiefen Eindruck auf Menschen.

Wenn wir jemanden sprechen oder gar singen hören, kommt das unmittelbar im limbischen System, wo u.a. Emotionen verarbeitet werden, im Gehirn an und löst Gefühle aus. Sie kennen das sicherlich: Man kann es ja oft gar nicht sagen, warum jemand für uns unangenehm klingt und man sich in seiner Gegenwart unwohl fühlt.

Es ist natürlich sehr subjektiv, welche Stimmen uns gefallen und welche nicht. Wenn Sie beispielsweise eine Mutter mit einer schrilleren Stimme haben, dann wird ein Mensch mit einer ähnlichen Tonlage für Sie nicht ungemütlich klingen, weil Sie das von zu Hause kennen. Jemand anderes sagt wiederum: "Da kann ich keine fünf Minuten zuhören, das nervt mich!" Da sind wir sehr verschieden gepolt.

'Wir sollten unsere Stimme nicht als selbstverständlich hinnehmen', sagt Opernsängerin Julia Kamenik-Sedlak.

Forscher der Universität Leipzig haben in einer Studie 2017 ermittelt, dass Frauen deutlich tiefer sprechen als noch vor 20 Jahren. Ist die Stimmhöhe auch gesellschaftlichem Wandel unterworfen?

Ja, das ist wirklich ein interessantes Phänomen. Die Vorstellung, wie Stimmen klingen sollen, hat natürlich etwas mit dem aktuell vorherrschenden Geschlechterbild zu tun.

Wenn Sie sich beispielsweise Werbespots aus den fünfziger, sechziger Jahre anschauen, dann hören sich die Frauen meistens sehr hoch und piepsig an, es sind eben typische Mädchen-Stimmen.

In Japan ist das heute noch so, hier sprechen Frauen tendenziell viel höher als in Europa. Das hat tatsächlich mit dem dort vorherrschenden Idealbild der zurückhaltenden und kindlichen Frau zu tun. Es gibt auch weitere Untersuchungen, dass Skandinavierinnen noch einmal etwas tiefer sprechen als Zentraleuropäerinnen, weil die Frauen in Schweden oder Norwegen schon länger emanzipiert sind.

Die hohen Stimmen kommen natürlich durch den Umgang mit Kindern. Wir sprechen mit ihnen intuitiv sehr hoch, um die hohen Kinderstimmen zu imitieren. Da also Frauen nicht mehr den ganzen Tag mit ihrem Nachwuchs zu tun haben, sondern vermehrt auch berufstätig sind, haben sich ihre Stimmlagen vermutlich angepasst.

Viele Menschen, vor allem Frauen, ziehen immer den Bauch ein. Wie wirkt sich das auf die Stimme aus?

Die Bauchmuskeln und der Beckenboden haben einen großen Einfluss aufs Sprechen. Unsere Stimme braucht zum Klingen eben nicht nur den Kehlkopf oder die Stimmbänder, sondern den ganzen Körper. Das ist wie bei einem Cello: Zupft man nur an den Saiten, entstehen zwar leise Töne, aber erst zusammen mit dem Holzkörper kommt der volle Klang.

Zum Beispiel haben Opernsänger nie Waschbrettbäuche, das gibt’s einfach nicht, und das ist auch nicht möglich. Sie müssen in dieser Muskulatur weich sein, um fürs Singen die Bauchatmung optimal nutzen zu können.

Wenn also Frauen den Bauch einziehen, können sie nicht mehr tief hinein atmen und nutzen dann nur noch einen Bruchteil ihres Lungenvolumens. Und je weniger tief wir atmen, umso höher und piepsiger werden unsere Stimmen.

Also, Frauen entspannt Eure Bäuche, lasst locker, dann klingen auch die Stimmen entspannter!

Mit welchen Stimmproblemen haben Sie in Ihren Trainings häufig zu tun?

Zu mir kommen Leute, die viel sprechen müssen und deren Stimmen unter Überanstrengung leiden. Ich habe vor kurzem eine Firma beraten, deren Mitarbeiter viel auf Messen und Kongressen unterwegs sind und die teilweise sechs Stunden durchgehend Kundengespräche führen. Das Ganze findet dann in einer Umgebung mit sehr trockener Klimaanlagenluft statt, die Leute trinken außerdem zu wenig. Da wird die Stimme sehr stark beansprucht.

Hinzu kommt noch, dass man auf solchen Veranstaltungen versucht die Nebengeräusche zu übertönen. Wir sprechen gegen den Lärm an, üben dadurch noch mehr Druck auf die Stimme aus und pressen aktiv die Stimmbänder aneinander. Wenn man so etwas lange und immer wieder macht, gibt’s im schlimmsten Fall Ödeme auf den Stimmbändern, um die sich dann ein Arzt und in Folge ein Logopäde kümmern muss.

Interessanterweise erwischt das oft Frauen. Meiner Erfahrung nach geht bei ihnen der Stress in den Hals. Männern hingegen schlägt Druck eher auf den Magen.

Wie kann man der Stimme im Alltag Gutes tun?

Wenn Sie wissen, dass vor Ihnen ein stimmlich anstrengender Tag liegt, dann wäre bereits am Morgen ein Warm-up gut. Wir laufen schließlich auch keinen Marathon, ohne zu trainieren und uns warmzumachen. Summen oder singen sie unter der Dusche, schneiden Sie Grimassen, gähnen Sie oder schnauben Sie wie ein Pferd, das wärmt den Körper und die Stimme auf.

Außerdem ist trinken sehr wichtig, das hält den Mundraum feucht. Bonbons helfen auch dabei, dass Ihre Stimme nicht versagt. Haben Sie einen Frosch im Hals, husten oder summen Sie lieber anstatt sich zu räuspern. Durch das Räuspern schlagen die Stimmlippen sehr kraftvoll aneinander, und das tut ihnen nicht gut. Summen ist sowieso eine sehr entspannte Art und Weise, wie wir uns wieder in eine lockere Grundstimmung bringen.

Aber ich finde das Wichtigste ist, dass wir unsere Stimme nicht mehr als selbstverständlich hinnehmen. Mit jedem anderen Organ gehen wir sehr sorgfältig um. Nur die Stimme, die muss ganz von selbst funktionieren.

Webinar: Stimme und Performance als berufliche Erfolgsfaktoren

Unser Auftritt und die Art, wie wir kommunizieren, sind wesentlich relevanter als das, was wir mitteilen wollen. In diesem Webinar am 20. Juni erhalten Sie von Julia Kamenik-Sedlak wertvolle Anregungen und Tipps für den perfekten ersten Eindruck und mehr Präsenz und Souveränität auch in schwierigen Situationen. Weitere Infos und Anmeldung …

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