Keine RatingagenturenArbeitgeber-Bewertungsplattformen
Bekannt ist das Verfahren vom Online-Buchhändler Amazon: Gefällt das Produkt, bewerten die Nutzer es positiv. Ist das nicht der Fall, verreißen sie den Artikel. Neu dagegen sind vergleichbare Bewertungen von Arbeitgebern im Internet. Wie ernst sollten Absolventen und Professionals den neuen Trend nehmen?
Vor dem Web 2.0-Zeitalter war die Welt für Arbeitgeber noch in Ordnung. Mit publizierten Negativurteilen in Form von Presseberichten über Entlassungspläne und ähnlich unschönen Nachrichten mussten sie schon immer leben. Ansonsten aber konnten sie sich in dem Glück wähnen, den sichtbaren Informationsfluss weitgehend kontrollieren zu können. Gedruckte oder im Internet veröffentlichte Informationen über Arbeitgeber verbreiteten entsprechend durchgängig eine marketinggetriebene Heile-Welt-Atmosphäre. Neben dieser offiziellen Version gab es jedoch immer auch einen unterschwelligen Strom an ungefilterten Nachrichten in Form von Mund zu Mund-Propaganda (ehemaliger) Mitarbeiter. Mit dem Siegeszug des User Generated Content im Internet dringt dieser Strom nun auch im Arbeitgeberthema an die Oberfläche - und bietet Bewerbern eine zusätzliche Möglichkeit, sich zusätzlich über Arbeitgeber zu informieren.
Arbeitgeber-Bewertungsplattformen
Ähnliches hat es auch vor Web 2.0 schon gegeben, etwa in Form der Company-Reports auf der Karriereplattform squeaker.net. Seit 2007 existiert die Online-
Arbeitgeberbewertung aber als eigenständiges Angebot auch im deutschsprachigen Raum: Angebote wie jobvoting.de, kelzen.com, vor allem aber kununu.com machen seitdem von sich hören. kununu.com ist der wohl ambitionierteste Versuch, eine solche Plattform zu etablieren. Nutzer können dort anonym Arbeitgeber aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bewerten. kununu ist ein österreichisches Unternehmen mit Firmensitz in Wien, der Name stammt aus der afrikanischen Sprache Suaheli und bedeutet "unbeschriebenes Blatt". Zurzeit liegen auf der Website 11.400 Bewertungen zu 6.400 Arbeitgebern vor, das Gros davon stammt aus Deutschland. Bewertet werden 13 Kriterien anhand einer von 1-5 reichenden Skala, dazu gehören zum Beispiel "Arbeitsatmosphäre", "Kollegen", "Chefs" und "Freizeit". Ein Großteil dieser Kriterien entstammt einem Modell der "European Foundation for Quality Management", kununu hat dieses Modell um weitere Punkte ergänzt, etwa "Umgang mit älteren Kollegen". Besonders interessant ist die Kommentaroption, hier dürfen Mitarbeiter und Ehemalige direkt vom Leder ziehen: "Arbeitszeiten nach oben hin offen", heißt es ungeschminkt über einen Automobilzulieferer. Andere Kommentare erinnern in Inhalt und Stil sehr stark an Personalmarketingbroschüren, was auf ein beginnendes Engagement der entsprechenden Fachabteilungen in den Unternehmen schließen lässt. Doch gibt es deutlich negative Gesamtbewertungen, bei denen Arbeitgeber nicht über ein "ausreichend" hinauskommen.
Weder Dampfablass- noch Schönwetterplattform
Das ist durchaus gewollt. Zwar biete kununu Arbeitnehmern keine Bühne, um Dampf abzulassen, sagt Geschäftsführer Martin Poreda. Persönliche Beleidigungen in den Kommentaren etwa lässt Poreda nicht zu, dazu gibt es strikte Regeln bei kununu. "Eine negative Bewertung ist jedoch kein Grund, um Bewertungen zu löschen - wir sind ja keine Schönwetterplattform." Für Unternehmen aus Deutschland zumindest waren kununu & Co. deshalb zunächst schwer verdauliche Brocken. Vielen Personalern galten solche Internetangebote gar als Arbeitgeber-Antichrist im Web 2.0-Gewand. Mittlerweile haben sich die Gemüter in der HR-Zunft wieder beruhigt. Es bleibt ihnen laut Poreda auch nichts anderes übrig: "Wenn Arbeitnehmer sich über Arbeitgeber informieren möchten, werden sie das tun. Für Unternehmen ist es gut, wenn sie das auf seriösen Plattformen machen und nicht in unkontrollierten Foren, in denen Beschimpfungen abgelassen werden." Aus der Perspektive der Jobsucher bleibt aber ein großes Problem: Die durchschnittliche Zahl pro Unternehmen liegt derzeit auf kununu.com bei rund 1,8 Bewertungen. Das liefert Bewerbern kaum Anhaltspunkte für die Qualität eines Arbeitgebers. Selbst bei den häufig bewerteten Unternehmen sind die Zahlen noch vergleichsweise niedrig, auch bei den prominenten Dax-Unternehmen erreichen sie nicht immer die Zweistelligkeit. Aber das Unternehmensmodell ist relativ jung.
Cashiers are treated as scum - Blick in die USA
In den USA dagegen haben Arbeitgeberbewertungen im Internet eine längere Tradition. Seit 2004 lassen dort Arbeitnehmer auf jobvent.com so richtig Dampf ab. Das passt auch zum Claim der Plattform: "Inside Information about the Jobs and Employers we Love and Hate". Zu einzelnen Arbeitgebern geben auch schon mal über 1.000 Angestellte ihren Kommentar ab. "Cashiers are treated as scum", heißt es kurz und knackig über eine Supermarktkette. Tendenziell ist jobvent eher die Plattform fur Nicht-Akademiker - besonders aus dem Einzelhandel, was der Betreiber Craig Spitzkoff so erklärt: "People seem particularly unhappy working in retail, especially in the consumer-facing roles, so these kind of jobs show up much more frequently. Someone making a high salary at one of the big consultancies has less to complain about, so they're not actively looking for a place like JobVent.com where they can vent their frustrations." Mehr zum akademischen Arbeitsleben findet man dagegen auf vault.com, wo es seit 2004 Berichte über Arbeitgeber von Angestellten gibt, mittlerweile sind es über 85.000 dieser "employee surveys" - zu insgesamt rund 7.000 Unternehmen, meist aus den USA. Vom Nutzen dieser Informationen für Angestellte ist zumindest Thomas Nutt überzeugt, der als Leiter des Londoner Büros von Vault für Europa zuständig ist: "Employee surveys allow job seekers to arm themselves with the best possible information before meeting potential employers."
Wachstumspotenzial der Plattformen hierzulande
Vault hat sich mittlerweile zu einem kleinen Medienimperium mit insgesamt 130 Mitarbeitern entwickelt. Und im deutschsprachigen Raum? kununu verfolgt ehrgeizige Wachstumspläne, schon bietet Poreda Arbeitgebern verschiedene Möglichkeiten an, die Plattform für ihr Personalmarketing zu nutzen. Entsprechend flauschig formuliert er die Zukunftsvision von kununu als "Verbesserungsplattform für Arbeitgeber". Seit Februar 2008 ist die Madsack-Verlagsgruppe (Jahresumsatz: 485 Millionen Euro) als Gesellschafter an Bord. Kooperationen mit Jobbörsen sollen das Wachstum vorantreiben. Bis zum Jahresende möchte Geschäftsführer Poreda 30.000 Bewertungen zu 8.000 Unternehmen auf der Plattform haben. Dann wäre er bei durchschnittlich 3,75 Bewertungen. Als Fernziel soll jeder Arbeitgeber im deutschsprachigen Raum bei kununu sogar mit mindestens 12 Einzeleinträgen bewertet sein. Viel ist das immer noch nicht. Poreda zum derzeitigen Stand von 3,75: "Das ist ja nur ein Durchschnittswert. Man muss bedenken: Die meisten Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz sind kleine Unternehmen mit wenigen Mitarbeitern, das zieht den Durchschnitt herunter."
Keine Ratingagenturen
Da hat er wohl recht. Deshalb wird das Modell auch langfristig eher bei den ganz Großen eine etwas größere Aussagekraft entfalten können. Selbst wenn die Anzahl von Bewertungen auf den deutschsprachigen Plattformen zur Arbeitgeberbewertung künftig deutlich steigen wird: Bewerber sollten diese Angebote nicht mit Ratingagenturen für die Qualität von Arbeitgebern verwechseln. Sie können Jobsuchern erste Hinweise geben, nicht mehr.
Manfred Böcker, freier Journalist, Köln
Feedback: manfred.boecker@personaltext.de
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