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Karriere lesen - Teil 2

Von Karrierebibel bis Kununu

Wo finden Absolventen und Professionals die besten Informationen zu Karrierethemen? In diesem Beitrag unserer zweiteiligen Serie zeigen wir, was Webseiten, Blogs und andere Web 2.0-Formate bieten.

Karriereinfos im Netz breiten sich seit Mitte der neunziger Jahre in Deutschland aus. Meist fing es damit an, dass die Karrierespalten in den Printmedien einen Teil ihrer Texte ins Netz stellten und Online-Zusatzservices entwickelten. Auch heute leisten sich alle großen Wirtschaftsmagazine und Tageszeitungen einen solchen Internetauftritt (siehe Folge I sowie Kasten unten). Zum einen verwerten die Medien dabei ihre Printinhalte, fügen aber auch Neues und Internetspezifisches hinzu, zum Beispiel tagesaktuelle News, Online-Tests, kostenpflichtige Gehaltsanalysen, Chats oder Umfragen.


UniSpiegel: Lebhafte Texte statt PR-Gedöns

Als eine Art Leitmedium für Karrierethemen gilt der UniSpiegel von Spiegel-Online, mittlerweile nicht nur bei Bewerbern und Angestellten, sondern auch unter vielen Personalern. Kein Wunder: Die hier veröffentlichten Beiträge erzielen eine beeindruckende Reichweite von bis zu 150.000 Aufrufen pro Artikel. Ressortleiter Jochen Leffers und Team nehmen in der Rubrik "Job & Beruf" des UniSpiegel auf für das Genre ungewöhnlich bissige Weise Trends, Merkwürdigkeiten und Missstände aufs Korn. Seine Leser sind laut Leffers "Berufsstarter" aller Schattierungen, darunter besonders viele Jungakademiker, die an der Uni arbeiten - zum Beispiel als Assis oder Juniorprofessoren. Das Markenzeichen des Online-Dienstes sei seine Andersartigkeit im Vergleich zur üblichen Berichterstattung über das Thema Karriere, sagt Leffers: "Kein hohltönendes PR-Gedöns, keine Wie-binde-ich-meinen-Schlips-richtig-Texte, nicht zum tausendsten Mal das hohle Versprechen von der "perfekten Bewerbungsmappe". Stattdessen biete sein Ressort "lebhafte Texte mit richtigen Menschen".

FAZjob.NET: Hier bloggt der Professor

Diese richtigen Menschen möchten im heutigen Mitmach-Internet aber nicht nur lesen, sondern auch mitmischen. Langsam aber sicher entdecken daher die klassischen Medien auch beim Thema Karriere Web 2.0-Formate wie zum Beispiel Blogs. Auf FAZjob.NET bloggt gelegentlich der Personalspezialist Professor Christian Scholz unter dem Stichwort "Per Anhalter durch die Arbeitswelt". Dabei geht es recht kurzweilig zu. Das Lese-Interesse der Nutzer ist groß: Auf über 6000 Aufrufe schaffte es zum Beispiel sein Beitrag "Inkompetenz als Kündigungsgrund" über ein Low-Performer-Programm der Stadtverwaltung von Seoul. Dass bei einem solchen Interesse nach über einer Woche erst ein einsamer Leser einen Kommentar hinterlassen hat, liegt vielleicht am rigiden Umgang der FAZ mit ihrem "Blog": Erst hübsch anmelden, dann kommentieren, gilt hier. Etwas unkomplizierter geht es da schon in Jo's Jobwelt auf den Internetseiten der WirtschaftsWoche zu. Ressortleiter Jochen Mai gibt hier ein Kurzextrakt aus dem Blatt, aber auch News und Einblicke in aktuelle Studien.

karrierebibel.de: Heilige Schrift für den eigenen Aufstieg

Richtig austoben kann sich Mai aber in seiner "Karrierebibel": Seit Juni 2007 bietet er online klassische Bewerbungstipps, Hinweise zum richtigen Networken in Online-Businessnetzwerken, zum Reputationsmanagement im Internet oder Mentoring. Eben eine Bibel der Karrierethemen, die zudem die für Anfang 2008 angekündigte Publikation eines gleichlautenden Handbuchs einläutet. Im Unterschied zu ähnlichen Formaten trägt karrierebibel.de alle Kennzeichen eines echten Blogs: Hier wird schnell aktualisiert - und vor allem rege kommentiert und diskutiert, zudem kann der Blog per RSS-Feed abonniert werden. Rund 1000 Besucher schauen derzeit pro Tag beim Karrierebibel-Blog vorbei, berichtet Mai. Sein Blog verspricht "definitiv alles, was Sie für Ihren beruflichen Erfolg wissen müssen". Klappern gehöre eben zum Geschäft, kommentiert Mai den Werbespruch. Zugleich zeigt er sich überzeugt, den hohen Anspruch einhalten zu können. Sicher mache ihn da vor allem seine neunjährige Erfahrung als Ressortleiter für Beruf und Erfolg bei der WirtschaftsWoche, mit Karrierethemen beschäftige er sich noch länger: "Ich habe unzählige Bücher wie Artikel dazu gelesen, selbst Geschichten geschrieben, Studien verfolgt, Erfolgstrainer und -maschen kommen und gehen sehen und viele erfolgreiche Manager persönlich kennengelernt. Dabei wird bald klar, was tatsächlich funktioniert und was nur Wortgeklingel ist."

Joblog.ch: Tipps und Downloads

Lesenswert ist zudem der Blog des Schweizers Marcel Widmer. Unter joblog.ch finden Nutzer Buchtipps und Denkanstöße des Job- und Karrierecoachs, Hinweise für Bewerber und praktische Downloads, zum Beispiel Arbeitshilfen oder Checklisten zum Brainstorming oder Netzwerken. Wie bei jedem echten Blog, können Leser auch hier kommentieren, mitdiskutieren und Fragen stellen. Davon machen einige auch Gebrauch. Bei der Frage, ob ein Karriereblog im Hinblick auf die Kommentare lebhaft ist oder nicht, sollten Leser übrigens die goldene Web 2.0-Regel im Hinterkopf haben: 90/9/1. Das heißt: 90 Prozent der Web 2.0-Nutzer sind passiv. 9 Prozent kommentieren. Nur 1 Prozent betreibt selbst solche Angebote oder setzt aktiv Themen auf anderen Plattformen.

squeaker.net: Beide Seiten der Medaille

Nutzer haben aber auch schon vor dem Web 2.0-Zeitalter das Thema Karriere im Netz mitgestaltet, zum Beispiel bei squeaker.net. Für die wirklich interessanten Angebote der Karriere-Community ist eine Registrierung notwendig. Die geht denkbar schnell vonstatten; die Betreiber zwingen die Nutzer nicht dazu, persönliche Daten in Hülle und Fülle zu hinterlassen. Dafür gibt es echte Karriere-Schätze dort zu heben: Zum Beispiel ungeschönte Bewerber-Berichte ("Interview Reports") zum Ablauf von Jobinterviews und Erfahrungsberichte aus den Unternehmen (meist ehemalige Praktikanten) - mit wertvollen Hinweisen und Tipps. Diese Berichte sind von ungewohnter Offenheit. So heißt es in einem Beitrag zum Praktikum in einem großen Unternehmen: "Ziemlich angespannte Situation (Kostenoffensive). Neu zusammen gewürfelte Abteilung, alles nette Leute, aber noch nicht perfekt aufeinander abgestimmt." Diese Berichte lassen sich dank intelligenter Navigation sehr einfach mit den offiziellen Arbeitgeberpräsentationen vergleichen, die Unternehmen bei squeaker.net buchen können.

Gesundes Feedback für Unternehmen

Haben die Unternehmenskunden von squeaker.net nicht manchmal Schwierigkeiten mit so viel Offenheit? "Das ist eigentlich kein Problem, da die Insiderberichte ein gesundes Feedback für die Unternehmen darstellen, ihnen also langfristig nutzen. Wir schauen uns die Erfahrungsberichte zwar schon noch einmal an, entfernen aber kritische Passagen nicht. Von dieser Transparenz lebt die Community", sagt Arne Lichtenberg, Pressesprecher von squeaker.net. Die Plattform existiert seit 2000, mittlerweile haben sich über 50.000 Mitglieder dort registriert. "Das sind zum großen Teil Studierende, der Anteil der so genannten High Potentials unter ihnen ist hoch", sagt Lichtenberg. Es gebe aber auch einige "junge Berufstätige" unter ihnen. A propos High Potentials: Die klassische Internetplattform der Überflieger ist in Deutschland e-fellows.net. Dort finden sich frei zugängliche Infos zu allerlei Karrierethemen. Die wirklich interessanten Angebote sind allerdings den happy few vorbehalten, die in den Genuss eines e-fellows.net Stipendiums kommen, zurzeit sind das rund 13.000.

Kununu.com: Punkte für Arbeitgeber

Was bei squeaker.net schon längst dezente Praxis ist, kommt auf kununu.com lauter und deutlich webzwonulliger daher. Die Social Community mit dem schrägen Namen aus der afrikanischen Sprache Suaheli ("unbeschriebenes Blatt") ist eine Arbeitgeber-Bewertungsplattform. Die österreichischen Betreiber haben sich vorgenommen, auf ihrer Website leere Blätter beschreiben zu lassen. Arbeitnehmer informieren sich dort gegenseitig über "Arbeitsverhältnisse in Firmen", heißt es in einer offiziellen Präsentation. Seit Juni 2007 ist kununu live. Die Nutzer bewerten dort Arbeitgeber in Österreich, Deutschland und der Schweiz, derzeit haben die Schweizer noch ein starkes Übergewicht. Für rund 1000 Unternehmen insgesamt liegen derzeit etwa 1400 Bewertungen vor. Das heißt: Eigentlich äußert sich in der Regel nur ein ehemaliger Mitarbeiter über seinen Brötchengeber. Das lässt kaum Rückschlüsse auf die Qualität von Arbeitgebern zu. Das sieht auch Martin Poreda so, einer der Geschäftsführer von kununu. Zwar könne man schon jetzt den Bewertungen entnehmen, ob ein Unternehmen zum Beispiel eine Kantine habe. Richtig hilfreich sei eine Arbeitgeberbewertungsplattform erst ab zehn Bewertungen pro Arbeitgeber.

Seriöse Plattform

Poreda möchte über Kooperationen und Marketingmaßnahmen deshalb die Bekanntheit von kununu deutlich erhöhen. Ein gezieltes Marketing habe es bislang nicht gegeben, die derzeitige Bekanntheit von kununu beruhe allein auf Mundpropaganda. Das Fernziel: "Wir wollen eine hilfreiche Plattform für Jobwechsler, Jobsuchende und Studienabgänger sein, die sich ein Bild von Arbeitsverhältnissen bei Arbeitgebern machen möchten." Finanzieren wird sich kununu langfristig dadurch, dass Unternehmen ausführliche Arbeitgeberporträts auf der Website veröffentlichen können. kununu ist nach Angaben von Poreda eine "seriöse Arbeitgeberbewertungsplattform". Es gehe nicht darum, beleidigende Kommentare zu veröffentlichen, sondern strukturierte Bewertungen: "Wir kontrollieren die einzelne Bewertung sehr streng. Kommentare die gegen unsere Regeln verstoßen und zum Beispiel Namen oder Interna zu Produkten, Qualität, Produktion oder Finanzen enthalten, werden gelöscht."

Vorbilder in den USA: Cashiers are treated as scum

Etwas Ähnliches gibt es seit Längerem schon in den USA: vault.com. Dort stehen rund 75.000 Erfahrungsberichte in Gestalt der employee surveys zu über 6000 Unternehmen zur Verfügung. Nutzer tauschen sich im Forum zu Karriere-Spezialfragen aus, zum Beispiel dazu, welches Gehalt ehemalige McKinsey-Berater nach dem Ausscheiden bei einem Arbeitgeber in der Industrie erwarten können. Ein Teil der Inhalte ist allerdings den Inhabern einer goldenen Mitgliederkarte vorbehalten. Es gibt in den USA zudem JobVent. Im Unterschied zu Vault sei das aber "tendenziell eher eine Dampfablassplattform" sagt kununu-Betreiber Poreda. Claim des Unternehmens: "Inside Information about the Jobs and Employers we Love and Hate". JobVent wurde 2004 gegründet und ist daher schon ein bisschen weiter als kununu. Einzelne Unternehmen kommen auf über 1000 Bewertungen. Tatsächlich lassen hier ehemalige Angestellte ordentlich Dampf durch die Abzugsöffnung (engl: vent). So heißt es in einer Bewertung zu einer Supermarktkette: "Cashiers are treated as scum."

Online-Businessnetzwerke

Als Abschaum sieht sich natürlich niemand gerne behandelt - und seine Kollegen auch nicht. Daher bereitet das Heraufziehen solcher Plattformen den Personalern hierzulande durchaus Bauchschmerzen. Ebenso wie die Online-Businessnetzwerke, auf denen Wissen über Arbeitgeber unkontrolliert zirkuliert. Online-Businessnetzwerke sind nicht als Speicherorte statischen Karrierewissens von Interesse denn als Platzierungs- und Kommunikationstools. Hier können Sie die eine- oder andere Frage loswerden oder interessante Kontakte knüpfen. Aber Vorsicht: Jede Anfrage in diesen Netzwerken ist eine für viele Jahre digital archivierte und frei zugängliche Publikation. Daher sollten sich Fragesteller weder als Bewerbungstrottel outen noch intime Details preisgeben. Das Problem bei Xing: Das Netzwerk ist zwar groß (nach Angaben der Betreiber derzeit mit internationalen Tochternetzwerken rund 4. Millionen Registrierungen), aber recht freiberufler- und beraterlastig. Viel versprechend sieht die von Handelsblatt-Journalisten moderierte Gruppe Young Career bei Xing (19.000 registrierte Absolventen und Young Professionals). Weitaus größer als Xing (15. Millionen Mitglieder), allerdings mit regionalem Schwerpunkt in den USA, ist LinkedIn. Beide Netzwerke bieten neben der Gratismitgliedschaft auch eine bezahlpflichtige an - mit erweiterten Funktionen. Richtig Spaß machen die Gratisversionen in der Regel nicht. Wer viel verdient und etwas von diesem Geld wieder ausgeben möchte, kann es zudem bei der manager-lounge versuchen, dem Online-Club des gleichnamigen Magazins. Nach Angaben der Betreiber verdienen die rund 2000 Mitglieder im Durchschnitt 135.000 Euro im Jahr. Mindestens 75.000 müssen es schon sein, sonst kommt man erst gar nicht in den exklusiven Club. Ein derartiges Versprechen auf Prestigegewinn hat seinen Preis. Der Jahresbeitrag für die Community der 2000: 250 Euro.


Manfred Böcker, freier Journalist, Köln
Feedback: manfred.boecker@personaltext.de






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