Für welchen Job soll man sich entscheiden?Entscheidungsfindung
Eine der wichtigsten Entscheidungen nach dem Studium ist gleichzeitig auch eine der schwierigsten. Für welchen Job soll man sich entscheiden, wo warten die besten Perspektiven? Dr. Hermann Refisch, Diplom-Psychologe, berät auf den access Recruiting-Workshops Absolventen und Professionals. Lesen Sie hier, wie Sie mehr Entscheidungssicherheit bei der Frage nach dem richtigen Job gewinnen können.
Ihr Interesse gilt mehreren Berufswegen. Wie können Sie sich entscheiden, ohne daß nagende Zweifel oder fade Gefühle von verpaßten Chancen übrigbleiben?
In der Orientierungsphase ist es völlig in Ordnung, wenn Sie verschiedene Möglichkeiten in Erwägung ziehen - selbst wenn diese auf den ersten Blick nichts gemeinsam haben. Denn diese Etappe gegen Ende des Studiums oder vor einem Wechsel ist ein Prozeß mit zahlreichen Prüfschleifen: Hier geht es darum, eigenes Potential und Ziele zu kennen, Möglichkeiten zu finden, Optionen zu vergleichen und immer wieder Rückmeldungen aus dem Arbeitsmarkt zu verwerten.
Die Phase der Entscheidung
Wenn Sie dann ein Angebot erhalten oder mehrere konkrete Chancen gefunden haben, wenn Sie vor einem Arbeitsvertrag sitzen und überlegen, ob Sie nun unterschreiben oder nicht: Wie treffen Sie jetzt die richtige Wahl, ohne daß Ihnen später etwas leid tut?
Die Entscheidung für oder gegen einen Arbeitsvertrag ist nichts anderes als eine Kostprobe des späteren Berufslebens. Führungskräfte treffen im Alltag häufig Entscheidungen auf Basis unvollständiger Informationen. Sie prüfen, entscheiden und arbeiten dann entschlossen mit dem Ergebnis. Nützlich ist eine gute Vorbereitung. Finden Sie Ihre persönlichen Kriterien und erörtern Sie diese im Gespräch mit Nahestehenden oder Experten: Welche Informationen brauchen Sie, um Ja oder Nein sagen zu können?
Entscheidungskreuz
Ein einfaches Instrument ist das Entscheidungskreuz: Teilen Sie ein Din-A4-Blatt in vier Quadranten. Oben links vermerken Sie unter "Pro" alle Argumente, die für Ihre konkrete Chance sprechen, oben rechts unter "Contra" alles, was dagegen spricht. Unten links notieren Sie Unklarheiten und offene Fragen. Wenn Menschen sich nicht entscheiden können, fehlen oft Informationen. Und unten rechts listen Sie auf, was nun zu tun ist. Das ist meist Informationsbeschaffung. Vorsicht, wenn Sie keinerlei Bedenken oder Gegenargumente finden: Wer die rosarote Brille trägt, läuft Gefahr, später desillusioniert zu werden. Wenn hingegen oben links nichts steht, dann haben Sie einen pessimistischen Tag. Es gibt keinen Arbeitsplatz, der ausschließlich Nachteile aufweist.
Entscheidungsanalyse
Komplexe Entscheidungen benötigen Hilfsmittel. Die Situation verwirrt: Viele Variablen mit unterschiedlichen Ausprägungen überfordern unsere Denkleistung und beeinträchtigen das Urteilsvermögen. Hier kann eine Entscheidungsanalyse helfen: Listen Sie zunächst alle Ihre "Muß"-Bedingungen auf, beispielsweise Festanstellung oder Arbeitsplatz im Inland. Wenn diese nicht erfüllt sind, wird das Angebot nicht weiter geprüft, sondern scheidet aus. Dann erstellen Sie eine Tabelle und sammeln die Kriterien in einer Spalte untereinander, denen Sie persönlich Bedeutung zumessen. Perspektive, Führungsverantwortung, Klima, Einarbeitung, Ausland, Gehalt usw. Anschließend wird jeder Eintrag danach bewertet, wie wichtig er Ihnen ist (drei Punkte für sehr wichtig, einen Punkt für weniger wichtig). Nächster Schritt: Nun können Sie mehrere Stellenangebote vergleichen. Fügen Sie pro Angebot eine Spalte an und tragen Sie in die Zeilen ein, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dort das jeweilige Kriterium erfüllt zu sehen (1= gering, 3= hoch).
Der nächste Schritt ist eine einfache Berechnung: Multiplizieren Sie in jeder Zelle die Wichtigkeit des Kriteriums mit der Wahrscheinlichkeit des Zutreffens, summieren diese pro Spalte: Dies gibt einen rechnerischen Wert dafür, wie gut dieses Stellenangebot Ihren Erwartungen entspricht.
Das kompliziert anmutende Verfahren bietet mehrere Vorteile: Erstens sind Sie aufgefordert, die Ihnen wichtigen Kriterien zu suchen und zu gewichten. Damit bringen Sie Ihre Wünsche in eine Übersicht. Zweitens ist eine solche Tabelle erst vollständig, wenn Sie bei Jobangeboten alle gelisteten Kriterien erfragen. So ist ein echter Vergleich möglich, der mehr Sicherheit bietet als eine Auswahl "aus dem Bauch". Natürlich ändern sich Ihre Kriterien, Ihre Ansprüche und auch die Wertigkeiten. Das ist normal. Deshalb ist es nützlich, diesen Abgleich immer dann zu wiederholen, wenn Sie neue Informationen oder Wünsche entwickelt haben.
Nach der Unterschrift
Wenn Sie dann einen Vertrag unterschrieben haben: Vorsicht mit den eigenen Gefühlen, die uns hier undankbare Streiche spielen. Nur weil ich andere Chancen nicht mehr ergreifen kann, erscheinen diese attraktiv. Sie haben doch mit guten Gründen entschieden, oder? Besser als der zermürbende Rückblick ist nun, etwas daraus zu machen. Die neuen Chancen bieten sich nämlich regelmäßig dann, wenn Sie im Unternehmen arbeiten und Erfahrungen, Kontakte, Wissen erweitern.
Dr. Hermann Refisch
Dr. Hermann Refisch arbeitet als freier Trainer und Karriere-Berater. Seine Themenschwerpunkte sind Bewerbungstechniken und Outplacement, Rhetorik/Kommunikation sowie Konfliktlösungen.
Feedback: hermann@refisch.de
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